MALEREI

Ein ewiges rätsel

Seit ich denken kann, haben mich Bilder fasziniert. Ich erinnere mich gut an die riesigen Gemälde in Kinderarztpraxen, die ich mit unerschöpflicher Geduld betrachten konnte. Immer wieder wanderten meine Augen entlang der feinen Linien, stoppten auf dicken Punkten, hüpften von Motiv zu Motiv. Ich stellte mir vor, wie der Künstler den Pinsel führte, und fragte mich, woher er wissen konnte, wohin sein Pinselstrich führen musste, damit ein solches Bild entsteht.

Als ich acht Jahre alt war, traf ich schließlich meinen ersten echten Künstler. Er kam aus Russland und bemalte gerade die Hauswand eines Kindergartens. Ich genoss es, diesen rätselhaften Mann ausdauernd zu beobachten und so viele seiner Eigenschaften wie möglich in mein Gedächtnis einzusaugen.

Wie kam ein Mensch dazu, Bilder an eine Wand zu malen? Wie kam ein Mensch dazu, etwas zu tun, was sonst niemand in meiner Umgebung tat? 

Mit bunten Farben malte er aus, was er zuvor mit einem Bleistift vorgezeichnet hatte. Als er mein Interesse bemerkte, erlaubte er mir sogar, einen kleinen Punkt strahlend grüner Farbe  auf die Wand aufzutragen. 

Ich überredete ihn, mit zu mir nach Hause zu kommen, um ihn stolz meinen Eltern zu präsentieren. Da er jedoch kaum Deutsch verstand, bestand unser kurzes Beisammensein darin, die Schweigeminuten lächelnd, Tee schlürfend und kopfnickend zu verbringen.

Die Faszination für Künstler, Bilder und Pinselstriche begleitet mich bis heute. Ich kann mich einfach nicht daran sattsehen. Ist es nicht beeindruckend, wie sich die Konturen und Farben harmonisch zu einem Motiv verbinden? 

Wieso wählt der Künstler diese Farben? Warum malt er ausgerechnet dieses Gesicht, diesen Gegenstand, diese Frucht, dieses Bild?

Werkanalysen und Interpretationen geben mir zwar einigen Aufschluss über diese Fragen, doch geben sie nur einen Bruchteil dessen preis, was die Hand eines Künstlers führt. 

Hat der Künstler seinen Pinsel nach rechts oder nach links gezogen, als er den Lichteinfall definierte? Wie kann es sein, dass es manchen Menschen von Natur aus gelingt, etwas räumlich darzustellen? Woher kommt die Fähigkeit, die eigene Vorstellung und Realität sichtbar zu machen? Ist sie organischer Natur und damit ein Resultat bestimmter Verbindungen im Gehirn? Ist es möglich, diese Fähigkeit ohne Tipps und Tricks zu entwickeln?

Woher kommt die Fähigkeit, Bilder zu malen wie ein Andreas Leißner, eine Bettina Moras, oder ein Johannes Grützke

Ein Rätsel!

In meiner eigenen künstlerischen Arbeit zeichne ich nichts vor, sondern trage Farbschicht über Farbschicht auf, immer in der Hoffnung, der Fähigkeit des Malens auf den Grund zu gehen, ein Motiv aus der reinen Vorstellung hervorzubringen, es räumlich zu definieren und sichtbar zu machen.

Das ist meine persönliche Meditation: die Faszination und die Suche nach dem Ursprung der Kunst im Menschen, die mir einerseits komplett sinnlos erscheint, deren ich jedoch niemals müde werde.

Logo4_edited.png