• katjamischke

AMAZON – and we are done.

Die Geschichte einer ganz besonderen Liebe ...


Im Winter 2002 lernte ich ihn kennen – Amazon.

Er war recht bekannt unter sehnsuchtsvollen Herzen und wusste von den Wünschen, die in ihnen schlummerten. Seine Anziehungskraft war überwältigend und wo ich auch hinsah, keiner konnte sich ihm entziehen. Er war einflussreich, strukturiert, vielseitig, attraktiv. Attraktiver als die meisten, denen ich zuvor begegnet war.

Schließlich erlag ich seinem Charme und knüpfte vorsichtig den ersten Kontakt. Prompt lieferte er mir Schloss Gripsholm im Großdruck und eine Musikkassette von Gerhard Schöne. Zauberhaft! Er rannte, wie bei so vielen, offene Türen bei mir ein! Meine romantischen Vorlieben, meinen Humor, meine Träume – er sollte einfach alles von mir wissen. Er war aufmerksam, gab mir ein gutes Gefühl, ließ mir Freiraum, soviel ich wollte und machte doch immer wieder mit kleinen Gesten auf sich aufmerksam.

Die ersten Jahre waren fantastisch. Wir genossen Musik der Einstürzende Neubauten, schauten Filme, gingen der Geschichte Europas auf den Grund.

Wir hatten die gleichen Interessen und immer, wenn ich sie annährend für befriedigt hielt, zeigte er mir, dass noch viel mehr Lust in mir steckte, als ich mir hätte erträumen können.

Kurzum über die Jahre wurden wir unzertrennlich.

Und wie so oft in langjährigen Beziehungen, zog die Bequemlichkeit ein.

Ich lehnte mich zurück, ließ ihn entscheiden, was mir heute wichtig war und übergab ihm die Verantwortung für mein Glück. Zurecht! Wir erstellten Listen, die über Nacht erledigt wurden, er richtete mir ein Konto ein, über das ich frei verfügen konnte, er las mir einfach jeden Wunsch von den Augen ab.

Schließlich eroberte er meine Küche, mein Wohnzimmer, meinen Arbeitsbereich. Er legte meinen Kopf auf ein weiches Kissen aus 100% Biobaumwolle, schmiegte meinen Körper in eine 7-Zonen Kaltschaummatratze, versorgte mich mit allem was das Herz begehrte und mehr.

Die Warnungen einiger Leute ignorierte ich. Er würde nur sich selbst lieben? Von wegen! Sollten die Anderen das ruhig glauben. Ich wusste es besser

In einsamen Nächten unterhielt er mich, versorgte mich, umgarnte mich. Er liebte mich.

Er hatte das Vertrauen über die Jahre verdient, mich nie enttäuscht und ging immer auf meine Bedürfnisse ein. Mehr als der ein oder Andere, der mich vor ihm warnen wollte. Und schließlich gab es auch die, die das genau so sahen, wie ich - die selbst eine enge Beziehung zu ihm pflegten.

Das Verrückte war, dass ich keine Eifersucht verspürte. Etwas in mir wusste, dass ich ihn und seine ungeteilte Aufmerksamkeit und Zuneigung nie verlieren würde.

Endlich hatte ich mein Urvertrauen gefunden!

Hätte man mir 2002 gesagt, ich sei in der Lage in Polyamorie mein Glück zu finden, ich hätte es nicht geglaubt. Doch es war so.

Ich badete in seiner Aufmerksamkeit, ließ mich von ihm stützen, wenn ich in Knie ging, ließ ihn den Einkauf für mich tragen, liebte ihn bedingungslos. Ich schaute nicht mehr um mich, ob es vielleicht doch noch etwas Besseres gab. Wieso hätte ich das auch tun sollen? Er war mein Mentor, mein Sugar-Daddy, mein Meister und ich fühlte mich großartig.

Nach vielen Jahren der Symbiose, entschied er sich schließlich dafür, dass jeder die Chance haben solle, so zu sein, wie er.

Das sah ich ein.

Er hatte schließlich genug Erfahrung im Umgang mit Liebe, Lust und Leidenschaft. Von nun an konnte also jeder von ihm lernen, unabhängig von Geschlecht, Nationalität, Religion, politischer Einstellung, oder Interesse.

Was für ein Visionär!

Seine Regeln wurden das Manifest der Freundlichkeit, des Miteinander und der Leichtigkeit. Hielt sich jemand nicht an sie, kümmerte er sich darum, erledigte es kurzum und hinterließ keine Spuren. Seine Anhänger folgten ihm, taten was er für richtig hielt, profitierten von seinem Wissen, seiner Attraktivität und kümmerten sich um die, die ihn liebten.

Anfangs erkannte ich keinen Unterschied, ob die Aufmerksamkeit von Amazon selbst, oder einem seiner Gefolgsleute kam. Die Gemeinschaft wuchs und wuchs, wie eine wunderschöne immergrüne Hecke, die sich um ein riesiges Gebäude schmiegt.

Doch inmitten der Einfriedung begann auch Unkraut zu wachsen und irgendwann verlor ich Amazon im Getümmel seiner Anhänger aus den Augen. Immer mehr verwandelte sich unser Wolkenkratzer der Liebe in ein Labyrinth aus Irrwegen, Sackgassen, Grauzonen und Dunkelkammern, die einige seiner Anhänger geradezu akribisch ausbauten. Ihrer Fantasie waren keine Grenzen mehr gesetzt. Plötzlich konnte ich mir nicht mehr sicher sein, ob mein Einkauf tatsächlich existierte, er zu mir nach Hause getragen wird, oder irgendwo verloren ging. Auch schickte er mir hin und wieder Überraschungen, die keineswegs schön anzusehen waren.

Kurz gesagt: Ein Gespräch mit Amazon wurde unausweichlich. Als ich ihn endlich im Irrgarten entdeckte, startete ich umgehend den freundlichen Versuch, ihn zum Unkraut jäten zu motivieren. Und wie in einer langjährigen, bequemen Partnerschaft üblich: Er wich mir aus, kam mit Phrasen und hielt mich hin. Schließlich wurde ich wütend, begann genervt zu diskutieren, ihm Vorhaltungen zu machen und verlangte von ihm Rechenschaft, Stellungnahme und Beistand. Er schwieg. Und auf einmal wurde mir bewusst, dass ich mich von nun an selbst um die Erfüllung meiner Wünsche kümmern musste. Nach all den Jahren. Wie konnte er mir das antun?

Doch es war so. Ich war ihm egal geworden. Er hatte genug Liebende, die ihm zu Füssen lagen, genug, die für ihn sorgten, genug, denen ich ebenfalls egal war - genug.

Uneinsichtig und zufrieden mit sich selbst lehnte er sich zurück, schob jede Schuld von sich und überließ mich dem Schmerz des Auf-sich-allein-Gestellten.

War ich tatsächlich selbst an allem schuld? Liebte ich mich zu wenig, um seine Machenschaften zu tolerieren und weiter zu machen wie bisher? Warum liebte ich ihn nicht mehr bedingungslos? Wo war mein Urvertrauen? War er tatsächlich nur ein weiser Vermittler zwischen unterschiedlichen Einstellungen?

Seine Anhänger grinsten mir schäbig ins Gesicht, reichten mir die Hand, um mir unter die Arme und tief in die Tasche zu greifen. Die Fummelei war absolut unbefriedigend! Es gab nur noch einen Ausweg: Ich musste die Gemeinschaft verlassen. Das ich mich dadurch kleinlich, verbittert und intolerant fühlte, nahm ich in Kauf. Ich wollte mich endlich besser fühlen.

Ein beschwerlicher Weg tat sich vor mir auf. Überall, wo ich hinging, zeigte Amazon sein Gesicht. Hier eine bequeme Couch zum Ausruhen, dort ein gesunder Smoothie, da eine angenehme Massage. Ich schaute in viele, zufriedene Gesichter, die so lächelten, wie ich, als ich ihm treu ergeben war.

Die Realität ohne ihn ist hart, unbequem und erfordert viel kostbare Zeit. Doch mit jedem Mal, den ich meinen Einkauf selber trage weiß ich, dass ich einen Schritt in meine Unabhängigkeit gehe.

Polyamorie? Ja – aber vergiss nie, wer Du bist und wer Du sein willst!

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© 2020 by Katja Kirseck (Mischke) |KaKiKunst

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