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Gedankenfreiheit | Ein Oxymoron

Aktualisiert: 22. Nov.

Freiheit ist für mich die Obsession, in meiner Innenwelt, einer unendlichen Fülle von Geschichten, zu verweilen.



Ich vergesse mich in der Erinnerung an einen Wassertropfen, der über ein Ahornblatt rinnt und in den Waldboden sickert.

Ich versinke in Bildern, beobachte, lausche und verharre in der Vorstellung einer Sommerwiese, über der das Licht der Abendsonne den Himmel färbt.

Ich verliere mich bei dem Gedanken an die Schönheit der Natur, die Gesetzen folgt, und bestaune ihre mathematische Komplexität, die mein Geist niemals erfassen wird.

Ich lese die Memoiren meines Lebens, die eingemeißelt in Fassaden aus Beton und Ziegelsteinen zu finden sind, sehe, wie zwischen den Zeilen rastlos der Mörtel hervorquillt und um geometrische Perfektion bettelt.


Als kleines Mädchen war ich meinen Gedanken hilflos ausgeliefert. Die Gewissheit, dass ich ihnen den Rest meines Lebens unterworfen sein würde, sie nie zum Schweigen bringen könnte, machte mir Angst. Ohne dass ich Einfluss auf ihren Verlauf nehmen konnte, fielen sie in sich ständig wiederholenden Kreisen wie Geier über mich her. Sie fraßen sich durch meinen Geist, und ich konnte nichts weiter tun, als ihnen machtlos dabei zuzusehen oder mit aller Gewalt vor ihnen zu flüchten.

Außen an rasenden S-Bahnen festgeklammert, wenige Zentimeter über den Gleisen, gelang es mir schließlich, ihnen zu entkommen. Die Momente, die von nun an bis in mein Bewusstsein vordrangen, wurden zur Ausnahme. Ich hatte das Rennen gegen meine Gedanken gewonnen und vergaß im Sprint durch mein Leben, was Denken ist.

Stattdessen konnte ich ohne viel Aufwand logische Zusammenhänge einsaugen, die Informationen tief in meinen Geist brennen und dann in Prüfungen abrufen und nutzen. Dabei über Inhalt oder Sinn nachzudenken, war mir fremd.

Ich arbeitete strukturiert und akribisch die Liste von Erfolgsregeln für Frauen in dieser Gesellschaft ab und bewältigte die Punkte scheinbar mühelos.

Zwischenmenschlich hingegen eckte ich zunehmend an. Immer öfter packte mich die Wut darüber, dass Menschen sich nicht an die Regeln einer erfolgsorientierten Kommunikation hielten und wertvolle Zeit mit überflüssigen Gesprächen vergeudeten, mit Freude und frei von jeglicher Logik unnötige Umwege machten oder sich in Kreisverkehren und Sackgassen vergnügten.

Verzweifelt kämpfte ich mit Rationalität und Verstand für ein Ziel und erntete dafür Missbilligung, Verachtung und Mitleid.

Meine Gedanken, die durch die Jahre der konsequenten Ignoranz keiner Sprache mehr mächtig waren, kreischten sich in schriller Aggression in mein Bewusstsein, hämmerten unerträglich in meinem Kopf, bis ich nur noch mit Fäusten um mich schlagen konnte.

An diesem Punkt gab es nur noch ein Ziel für mich: Ruhe! Endlich Ruhe!

Widerstandslos akzeptierte ich die vollständige Kapitulation vor den Erwartungen an Mütter, Ehe- und Geschäftsfrauen.

Ich ergab mich mit einem quälenden Gefühl des Egoismus und zog mich in einer kleinen Wohnung von allen äußeren Einflüssen zurück.

In dem Bewusstsein, im Leben, wie ich es führen zu müssen glaubte, versagt zu haben, erlaubte ich mir wieder, mich ausgiebig mit der – für den Erfolg überflüssigen – Prosa, der – für das Leben noch überflüssigeren – Lyrik und der Sinnlosigkeit meiner talentfreien Malerei zu beschäftigen.

Meine Gedanken fanden zur Sprache zurück, und ich analysierte ihre Struktur, um sie in ihrer Vielfalt und Komplexität zu ordnen, die wesentlichen von den belanglosen zu trennen und ihrer, so gut es ging, Herr zu werden.

Heute lebe ich bewusst.


13. Juni

Ich spüre, wie sich mein Unterkiefer verspannt und meine Zähne knirschen, während ich in mein Auto steige.

Ich schalte das Radio ein und starte den Motor.

„Die aktuelle Verkehrsmeldungen …“ Senderwechsel.

„Damit zurück …“ Senderwechsel.

„Coronavirus …“ Senderwechsel.

„Wir alle sind aus Sternenstaub. In unsren Augen war mal Glanz. Wir sind noch immer nicht zerbrochen. Wir sind ganz. Du bist vom selben Stern …“

Ich fahre los.

Irgendwohin, um zu lernen, wie es ist, spontan zu sein. Ziellos fahre ich geradeaus. Immer geradeaus.

Ich entdecke einen kleinen Park mit leeren Bänken und freien Parkplätzen am Straßenrand.

Blinken, Bremsen, Rückwärtsgang, fünfundvierzig Grad, rechts, zurück, gerade. Perfekt.

Ich schnappe meine Tasche und setze mich eilig auf die erste Bank. Durchatmen. Die Spontaneität ertragen.

Eine Dame mit Dackel schlendert an mir vorüber und grüßt mich freundlich. Ich streife lächelnd ihren Blick.

„Ist das nicht ein schöner Park?“ Ihre Stimme klingt freundlich und warm.

Ich nicke begeistert mit dem Kopf und denke angestrengt darüber nach, ob ich ihr sagen sollte, dass ich noch keine Einschätzung über den Zustand der Parkanlage abgeben könne. Zu meiner Erleichterung redet sie unbeirrt weiter.

„Wissen Sie, ich gehe hier immer mit meinem Hund spazieren. Obwohl meine Beine nicht mehr so können. Ich habe einen Klumpfuß, sehen Sie? Der ist angeboren!“

Ich nicke heftiger und betrachte bewundernd ein erstaunlich großes Fußgelenk, das nahtlos in den Unterschenkel übergeht.

„Darf ich mich ein wenig zu Ihnen auf die Nachbarbank setzen? Das ist doch genug Abstand, oder?“

Mein Nicken erreicht eine Geschwindigkeit, dass mir schwindelig wird, und ich korrigiere mich, langsamer zu werden.

Die fremde Frau scheint das nicht zu bemerken und nimmt auf der Bank neben mir Platz.

„Ich bin ja auch schon dreiundachtzig, da darf man mal ein Päuschen machen.“ Sie lacht, und freudig stimme ich mit ein.

Ihr Dackel lässt sich teilnahmslos neben ihrem Klumpfuß nieder. Er sei auch schon älter. „Ein ganz lieber Kerl.“

Als sie über die Zustände der Pandemie zu klagen beginnt, hebe ich interessiert meine Augenbrauen, nicke, lächle, lausche ihrer sanften Stimme und mustere sie ausgiebig.

Ihre blonden, schulterlangen Locken sitzen fest am Haaransatz und bewegen sich im Takt ihrer Kopfbewegungen. Interessant.

Ihre Augenlider schimmern bläulich, ihre Wangen rosa, und ihre Lippen kräuseln sich in einem satten Rot.

Besonders ihr Strickpullover zieht meine Aufmerksamkeit auf sich: unendlich viele kleine Maschen, die in orange-roten Farbtönen verspielt ineinanderfließen.

Ich bin so sehr mit dem Betrachten der kleinen Fäden beschäftigt, dass ich gar nicht bemerke, wie sie aufhört zu reden. Erst als sie sich bückt, um ihrem Dackel den Kopf zu tätscheln, dringt die Stille in mein Bewusstsein.

„Sie tragen einen wirklich schönen Pullover“, ergreife ich das Wort.

Mit weit aufgerissenen Augen starrt sie mich an und verzieht dann den roten Mund zu einem breiten Lächeln, als hätte ich ihr gerade ein wertvolles Geschenk gemacht.

Neben der Geschichte des Pullovers, den sie selbst gestrickt hat, erfahre ich nun auch ihren Lebensweg. Sie erzählt von ihrem Mann, den sie pflegt, von ihren Töchtern, die vor Jahren weit weggezogen sind, und von ihrer Liebe zu Theodor Fontane.

Wir verbringen die nächste Stunde auf zwei Bänken sitzend gemeinsam und unterhalten uns, als würden wir uns eine Ewigkeit kennen. Ich merke, wie in mir der Wunsch lauter wird, nach Hause zu gehen. Doch wie ein so persönliches Gespräch beenden?

Ich nicke, lächele und warte. Eine weitere Stunde vergeht, als sie plötzlich aufsteht und sagt, sie müsse nun leider los. „Vielleicht sehen wir uns einmal wieder? Würde mich freuen!“

„Ja, vielleicht.“

Sie schlendert davon. Erleichtert darüber, dass sie nicht mehr Worte von mir erwartet hat, erhebe auch ich mich.

Ein Lächeln begleitet mich, bis ich wieder zu Hause bin, die Tür hinter mir schließen und mein Gesicht entspannen kann. Erschöpft atme ich aus. Mein Kopf schmerzt.

Für den heutigen Tag habe ich genug gelebt.


Den Park werde ich nicht mehr besuchen. Ich würde die Frau nicht wiedererkennen, es sei denn, ich starre jeder vorbeikommenden Dame auf die Füße. Ich möchte mir ihre Enttäuschung nicht ausmalen, wenn ich ihr nicht freudig mit einem „Hallo, da sind Sie ja – wie schön!“ auf den Lippen entgegenkommen kann.

Stattdessen räume ich ihr einen warmen Platz in meiner Erinnerung ein, um ihr eines Tages in meinen Geschichten wieder zu begegnen. Genauso wie dem Park mit den leeren Bänken und den Birken, die den Blick zum blauen Himmel mit grün tanzenden Tupfen überzogen.


Willkommen auf dem Teppich meiner Fantasie - zum fliegen, träumen, wandeln, herumtrampeln.

Ein Fußabtreter, geknüpft in tausend und einer Nacht aus den Perlen der Erinnerung, geflochten aus seidenen Fäden der Hoffnung darauf, dass sie nicht reißen und eine Geschichte festhalten, die in ihrer Bedeutung das Leben überdauert.

Ich höre die Kunst nach einer neuen Epoche der Romantik rufen, einer Identifikation mit Europa und der Kraft, die aus der Fusion von Wissenschaft und Kunst hervorgeht. Diesem Ruf fühle ich mich verpflichtet und erwidere: Wir haben nichts mehr zu verlieren.

SPEZIES

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